Eigentlich sind Buchrezensionen meine Sache nicht, doch mache ich für ein außergewöhnliches Buch gerne eine Ausnahme:

PRIMUM MOBILE. Dantes Jenseitsreise und die moderne Kosmologie
von Bruno Binggeli (siehe Literaturliste links)

Obschon noch jung, halte ich es für einen Klassiker“, auch wenn vielleicht noch nicht allzu viele darum wissen. Es ergänzt meine Empfehlung von Ernst Jüngers „An der Zeitmauer“, das ich nach wie vor ebenfalls für einen „Klassiker“ halte. Jüngers Werk will nur nicht mehr so recht der modernen Diktion entsprechen. Es ist für den heutigen Geschmack zu unsensationell. Grundlegendes Nachdenken über Wesentliches ohne Anwendung von Fach-Chinesisch qualifiziert sich nach der Mode unserer Zeit weder als Wissenschaft noch als Philosophie.

In dieser Beziehung ist Binggelis Buch wesentlich moderner. Immerhin hat es ein kompetenter Wissenschaftler der Jetztzeit geschrieben. Allerdings ist dieser Wissenschaftler ein intelligenter Mensch, der in Bildern zu denken vermag und deshalb die Analogie als eine legitime Methode der Erkenntnisgewinnung anerkennt und anwendet.

Damit handelt das Buch indirekt auch von der Qualität der Zeit, über die sich ja auch Jüngers Buch Gedanken macht, und die ihr im Newtonschen Weltbild, das nur eine lineare „neutrale“ Zeit kennt, als Fügungsgehalt gänzlich abgesprochen wird. Denn wenn, um einen Leitgedanken des Buches vorwegzunehmen, die zeitliche Entwicklung des Universums einem religiösen Bild analog sein kann, dann muß dieser Zeit zwingend eine Qualität eignen. Die Zeit IST die Fügung von Gestalten nach den Prinzipien, die ihnen jeweils zugrunde liegen. Die eigentliche Intelligenz im Universum ist die der Schöpfung immanente Hervorbringung von Gestaltgefügen als Zeit. Ganz analog beruht die wahre menschliche Intelligenz auf dem Bewußtsein, das in der Begegnung die Gestalt der Zeit zu erfassen vermag. Die Analogie nun beruht wie die Metapher auf einem Denken in Gestalten oder Bildern, also auf einer geistigen Bildfügung. Somit ist sie im Gegensatz zur Logik wahrhaft intelligent.

Aber von vorne. Es war der Titel des Buches, der mich elektrisierte. Ohne diesen wäre ich bestimmt nicht auf die Idee gekommen, es lesen zu wollen. Das Primum Mobile, das „Erste Bewegte“ war nämlich für mich von jeher stets das schlagende Argument gewesen, wenn es um die Ehrenrettung der Astrologen vorkopernikanischer Zeit, ja eigentlich aller Astrologen, ging. Es entkräftet wunderbar elegant das primitive „wissenschaftlich-moderne“ Argument, daß ja Sterne und Planeten das Schicksal der Menschen nicht beeinflussen könnten, da es dafür keine physikalische Grundlage gäbe. Dabei hat kein mittelalterlicher Astrologe jemals so etwas behauptet. Es ist vielmehr das „Primum Mobile“ – „Das Erste Bewegte“, das in der mittelalterlichen Konzeption des Kosmos alle weiteren Planetensphären anstößt, um schließlich in der sublunaren Sphäre seine Wirkung auch auf die Erde und die Menschen zu entfalten.

Die Planeten unterliegen also ihrerseits genau so, wie alles auf Erden, gemeinsam einer Wirkung von jenseits der Planetensphären. Das Primum Mobile ist dabei diejenige Sphäre, welche als eine Art Schöpfungsanstoß zwischen dem immateriellen Ungeteilten des Himmels und der Welt der Materie vermittelt. Das Primum Mobile schließt als äußerste Sphäre an die Planetensphären an und grenzt noch weiter nach außen an das Empyreum, von dem es seinerseits eingehüllt wird. Das Empyreum ist der Himmel der Seligen, das All-Eine, das Ungeteilte, die Heimstatt Gottes, des „Unbewegten Bewegers“. Das Primum Mobile erhält aus dem Empyreum den Impuls des Göttlichen Willens und überträgt ihn in seiner Wirkung auf alle Planetensphären und schließlich auch auf die sublunare Welt der Menschen. Somit zeigen die Planeten und Sterne, selbst bewegt, nur den Willen dessen, der bewegt, an. Als selbst Bewirktes und Bewegtes sind sie Abbild des Himmlischen Willens, nicht Urheber einer Wirkung. Das Primum Mobile stellt dabei die Verbindung zwischen der Welt des Absoluten und der Relativen Welt dar.

Dem Autor ist das unerhört hohe Maß an Übereinstimmung aufgefallen, das zwischen dem Bild, welches die moderne Kosmologie des 20. Jahrhunderts mithilfe von Disziplinen wie Astrophysik und Teilchenphysik mittlerweile entwickelt hat, und dem Kosmosbild des Mittelalters besteht. Wenn das Newtonsche Weltbild noch in starkem Widerspruch zum Alten Weltbild stand, so erscheinen die Ähnlichkeiten der Bilder, die sich aus der modernen Welt der Quantenmechanik ergeben, mit der mittelalterlichen Kosmoskonzeption umso verblüffender.

Binggelis Methode bei diesem Vergleich ist die Analogie, das bildhafte Denken, welches die wahre Intelligenz und das probate Medium für die Erfassung der Wirklichkeit ist. Denn in dieser Beziehung steht das bildhafte Denken wesentlich höher als jede Logik, die sich ausschließlich auf faktische Tatsachen innerhalb eines Bezugssystems anwenden läßt. Mit dem Auftreten des ersten logischen Paradoxons hätte man die Logik definitiv in ihre Schranken verweisen müssen! Stattdessen wendet man sie auf Bereiche an, die sie nicht zu erfassen vermag. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Das Medium, das dem Autor für die Darstellung des mittelalterlichen Kosmos dient, ist Dantes „Göttliche Komödie“. Für meinen Geschmack ist die Comedia zu konstruiert, ein metaphorisches und moralisches Lehrstück der damaligen Kosmologie in Versen. Aber keine Angst, der Originalzitate sind ihrer nicht allzu viele. Alles für die Betrachtung Wesentliche daraus erzählt Binggeli nach. Sollte man das Werk also nicht kennen, so stellt dies durchaus keinen Hinderungsgrund für das Lesen des Buches dar.

Binggeli rehabilitiert das geozentrische Weltbild, indem er naturwissenschaftlich nachweist, daß es exakt mit den real gegebenen Erkenntnisgrenzen der Wissenschaft übereinstimmt, dann nämlich, wenn der Standpunkt des tatsächlich Wahrnehmenden auf der Erde (inklusive all seiner gegenwärtigen und künftigen technischen Hilfsmittel) eingenommen wird, und nicht der Standpunkt eines hypothetischen externen Beobachters. Ein entscheidender Faktor ist hierbei zum Beispiel die Grenze des praktisch wie theoretisch beobachtbaren Horizonts, die unverrückbar durch die Absolutheit der Lichtgeschwindigkeit gezogen ist. Diese Grenze kann in der Beobachtung des Universums niemals überschritten werden. Bei der räumlichen Suche nach dem Big Bang in den Tiefen des Alls kommen wir diesem zwar sehr nahe, stehen dann jedoch an einer unüberbrückbaren absoluten Grenze der Wahrnehmung. Der Big Bang selbst, und erst recht alles vor dem Big Bang, ist unerreichbar und entzieht sich uns genau so, wie das Primum Mobile als Schöpfungsakt zwischen den geschaffenen Planetensphären und dem unaussprechlichen Empyreum unsichtbar ist und nicht transzendiert werden kann. Mit dem Primum Mobile geht das Göttliche über in einen Schöpfungsprozeß, in eine creatio continua, mit dem Primum Mobile beginnt die Zeit, die Entstehung der Materie, jegliches Maß.

Die formale Struktur des Buches folgt einer Dreiteilung. Die ersten beiden Abschnitte geben zuerst einen Einblick in den Kosmos des Mittelalters einerseits und in die moderne Himmelsforschung andererseits. Im Anschluß daran werden die frappierenden und überraschenden Ähnlichkeiten zwischen diesen aufgezeigt. Es ist als Glücksfall und Geschenk zu werten, daß jemand beides studiert hat und uns so wunderbar davon erzählen kann. Wem sonst als einem Kenner beider Gebiete könnten solche Analogien überhaupt auffallen! Ohne sein Buch wären wir wären jedenfalls um den Genuß einer wesentlichen Betrachtung gekommen.

Als Normalsterblicher ist man häufig mit den Heerscharen von Teilchen der modernen Physik überfordert und hat sie bis zur nächsten Erwähnung bereits wieder vergessen. Hin und wieder werden auch wissenschaftliche Begriffe benutzt, ohne sie zu erklären. Das ist etwas ärgerlich, wenn man sich schon auf einen Wissenschaftsexkurs einläßt. Ich zumindest möchte dann auch alles verstehen, was gesagt wird, auch wenn mir nur allzu klar ist, daß es ohnedies bald wieder im Orkus des im Unterbewußten abgelegten Vergessenen entschwunden sein wird. Trotzdem ist jedes einmal Verstandene Ziegelstein im Gebäude meiner Weltsicht geworden. Deshalb ist es wichtig, die Exkurse so zu zirkeln, daß sie in sich keine Stolpersteine unerklärter Fachbegriffe enthalten. Hier ist der Autor manchmal der Falle des Experten nicht entkommen, der sich einfach nicht vorzustellen vermag, wie wenig andere aus seinem Spezialgebiet wissen. Es muß gleichwohl gesagt werden, daß er diese Hürde fast überall im Buch mittels einer sehr bildhaften Sprache und ungestelzter Erklärungen bravurös nimmt.

Ab und an hielt ich beim Lesen inne und lachte auf ob des Gedankens, daß sich die oftmals völlig aberwitzig klingenden und höchst abenteuerlichen Theorien der modernen Astro- und Teilchenphysik, von denen etliche nach naturwissenschaftlichen Kriterien bewiesen sind, andere als sehr wahrscheinliche Hypothesen gelten, „exakte Wissenschaft“ nennen. Manche klingen, als wären sie die Emanation einer Haschisch-Inspiration und weniger das Ergebnis gespitzter Rechenbleistifte. Auf jeden Fall sind sie vergnüglich anzuhören und beflügeln die Phantasie. Höchst amüsant in ihrem simplifizierten Größenwahn fand ich die Bezeichnung für eine Theorie, welche angetreten ist, die „Grand Unified Theory“ (GUT) noch zu übertreffen, indem sie alle vier Grundkräfte zu vereinen sucht. Sie nennt sich schlicht und ergreifend „Theory Of Everything“ (TOE).

Im dritten Teil des Buches geht es um eine Anwendung der kosmischen Analogie auf die menschliche Innenwelt, die Psyche. Die Bezugnahme auf wesentliche artverwandte Gedanken C.G. Jungs ist interessant. Insgesamt kann mich dieser Abschnitt aber nicht ganz so begeistern wie die beiden vorangehenden. Binggeli sieht im Drang zur Erforschung der Entstehung des Weltalls und seiner äußersten Grenzen einen soghaften Antrieb, der identisch ist mit der Quelle für Dantes Himmelsflug und dem von C.G. Jung beschriebenen Streben zum Selbst, jenes Archetyps, der laut Jung in der Sphäre der Psyche ihre Repräsentation des Göttlichen abbildet. Er sieht sicher zu Recht ein Wechselspiel zwischen der Projektion der Innenwelt an den Sternenhimmel und der umgekehrten Wirkung der physikalischen Welt als Mitgestalter der Innenweltstruktur und deutet auf die Möglichkeit einer Identität zwischen Innen und Außen hin.

In Bezug auf die Methodik gibt es jedoch zwischen Dantes literarischer Metapher der Himmelfahrt für das geistig-spirituelle Aufwärtsstreben des Menschen und dem von Binggeli vermuteten Zwang des modernen Wissenschaftlers als Ausdruck desselben Motivs meines Erachtens einen entscheidenden Unterschied.

Dantes Himmelsreise ist wohl auch Ausdruck der damaligen Vorstellung des physisch-materiellen Kosmos, zugleich und im wesentlichen aber religiöses Bild. Die Sphären sind nicht nur reale Welt der Planeten, sondern auch geistig-spirituelle Entitäten. Das waren sie schon bei den Griechen, auf die jene Kosmologie im Wesentlichen zurückgeht. Dort waren sie von Göttern belebt, was, ganz nebenbei gesagt, den Scholastikern bei der Adaption dieses Bildes durch das Christentum nicht unerhebliche Schwierigkeiten verursachte.

Der naturwissenschaftliche Drang zur Erforschung des Weltalls ist hingegen lediglich funktionalisierte Suche nach dem Ursprung und geht am wesentlichen vorbei, verpaßt ein jegliches Bewußtsein der inhaltlichen geistig-seelischen creatio continua. Dieser Drang ist ein neurotischer Zwang. Er hat mit dem wahren Sein dem Ursprunge nach so viel zu tun wie Drachenfliegen mit Freiheit. Beides sind Ersatzhandlungen im Sinne einer leeren Strukturhülle, die einen Inhalt vorgaukelt, der nicht in ihr ist. Das gilt, auch wenn der Autor, selbst Naturwissenschaftler, diesen neurotischen Trieb für sich enttarnt haben mag und als Mensch ganz offensichtlich in die Welt von Mythos und Bedeutung vorgedrungen ist.

Unbenommen davon ist das Buch, ganz sicherlich seine ersten beiden Teile, jedenfalls uneingeschränkt als intelligentes Lesevergnügen zu empfehlen.

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