Pluto ist der äußerste der Planeten, die wir meist in die Deutung miteinbeziehen. Natürlich gibt es Unterschiede, eine Schule, die sich im englischen Sprachraum als die klassische bezeichnet (Classical Astrology) beschränkt sich auf die sieben Planeten, die bis zur Neuzeit den Himmel bevölkerten. Wieder andere deuten auch Asteroiden zwischen Mars und Jupiter. Sehr modernistische Astrologen beziehen auch andere Asteroiden/Planetoiden aus dem Kuipergürtel mit ein. Sie tun dies mit einiger Berechtigung, da auch Pluto nur einer von diesen Himmelskörpern ist, wohl der hellste, aber nicht einmal der größte, weshalb ihm kürzlich sogar der Planetenstatus aberkannt wurde. Sie heißen heute nach ihm „Plutoide“ und stellen eine Untergruppierung der Zwergplaneten dar. Allerdings sind die Erfahrungswerte für diese Körper noch kaum vorhanden. Wiederum andere deuten auch hypothetische Planeten. Auch dieser Ansatz ist nicht so abwegig, wie er klingt. Es könnte sich ja schließlich um noch unbekannte Phänomene handeln, oder um berechnete Entitäten, die keine reale Erscheinung haben, weil sie ein Zusammenspiel von anderen realen Körpern oder Räumen sind, die aber unbenommen Wirkkräfte widerspiegeln könnten.

Wie dem auch sei, die meisten Astrologen arbeiten heute mit den sieben klassischen Planeten plus Uranus, Neptun und Pluto. Pluto hat dabei die längste Bahn um die Sonne zu gehen und demnach auch den längsten Weg aus unserer geozentrischen Sicht. Seine Bahn ist sehr exzentrisch, und so teilt sich seine Umlaufzeit von knapp 248 Jahren keineswegs in eine regelmäßige Verweildauer in den zwölf Tierkreiszeichen, die eben nur im Durchschnitt bei 20,7 Jahren liegt.

Die langsam laufenden Planeten prägen immer die Zeitqualität für ganze Generationen, sowohl über die Zeichen, die sie durchwandern, als auch über die oft lang anhaltenden mundanen Transite, die sie miteinander bilden. Die Dauer solcher Aspekte ist durch abwechselnd auftretende scheinbar rückläufige Phasen der beteiligten Planeten oft drastisch verlängert.

Plutos Anwesenheit in den verschiedenen Tierkreiszeichen ist äußerst signifikant. Sie beschreibt eine hintergründige sich der Wahrnehmung nicht unmittelbar erschließende Qualität der Zeit, sozusagen auf ihrem Grunde liegend, die gehörigen Abstand in der Perspektive benötigt, um voll gewürdigt zu werden. Diese Perspektive ist einerseits persönliche Fähigkeit, andererseits zeitlicher Abstand. Lesen Sie einmal Egon Friedell’s Kulturgeschichte der Neuzeit. Im ersten Band zeichnet er einprägsame Bilder, die unmittelbar zu erhellender Einsicht und Verständnis von großen Zusammenhängen führen. Je mehr er sich chronologisch seiner eigenen Zeit nähert, ich spreche hier von Jahrhunderten, umso ausgefranster und detailbesessener wird die Betrachtung, es fehlt ihr zunehmend Perspektive. Es scheint sehr schwierig, die Gestalt von großen langfristigen Entwicklungen aus der Nähe oder gar im unmittelbaren Erleben zu erkennen. Da kann dann nur noch die aperspektivische Empfindung, die das Gestalthafte auf ganz andere Weise aufnimmt, weiterhelfen.

Pluto gibt also auch solche Themen- und Taktwechsel der Zeitqualität an. Im Januar 2008 ist er in das Zeichen Steinbock eingetreten. Seitdem befindet er sich in einer Schleifenbewegung um die 0° Steinbock herum, ist also stationär. Hier berühren sich ganz explizit zwei Schwergewichte: Pluto und Saturn. Pluto tritt in diese Beziehung mit einem anhängenden Aspekt zu Uranus ein. Die weltweite Finanzkrise ist erster großer Ausdruck dieses Giganten-Dramas.

Zuvorderst interessiert jedoch die Basis. Pluto im Steinbock. Was bringt diese Gestalt der Zeit?

Pluto betritt als Träger des Verdrängten, der er als Hadeshüter ist, hochselbst die Himmelslandschaft, in der die Grenze der Gestalt gewirkt wird. Seitdem sich die Rolle des Pluto bereits in der griechischen Mythologie immer weiter weg entwickelte vom Bringer der Vielfalt und des Reichtums der Fügung in die Gegenwart, hin zum Herrn über die Unterwelt, die Zwischenwelt, den Hades, das Reich der Schatten, ja – seitdem tritt Pluto schwer beladen durch das Tor der Zeit im Steinbock. Er hat Ungeheuerliches zu berichten. Die Welt gerät aus den Fugen. Es durfte mehr Gestalt aus der Gegenwart hinaustreten als in sie hinein. (Vielleicht bedarf es deshalb so vieler Menschen?) Pluto kann zunehmend nur noch die Information über das Fehlen der Gestalt in die Gegenwart entlassen. Mit all dieser Schuld, diesem Fehlen des Wirklichen in der Wesenheit betritt er Steinbock-Gelände. Im jenseitigen dunklen Licht dieser weitläufigen Gestaltschmiede verhallt sein Bericht so ungehört wie seine Schritte. Die Grenze der Gestalt kommt von weit, aus den lichtenen Ursprungswelten. Sie bricht sich nicht an menschlichem Versagen. Doch Plutos Aufgabe ist die Herausgabe der Zeit als Gegenwart. So wird Bestimmung Gegenwart und so wird das Fehlende Gegenwart, als eine Art Negativabdruck der Gestalt. Etwa 248 Jahre lang darf Pluto die Ausgabe der Gegenwart in Eigenregie durchführen. Doch dann liegt eine Inspektion im Steinbock bei Saturn selbst an. Wenn er durch den Steinbock wandelt, wird die auszugebende Fügung einem strengen Vergleich mit der Maßgabe der Gestalt unterzogen. Das Maßgebliche der Zeit wird verglichen mit dem Maßgeblichen der vorgesehenen Bestimmung der Zeit. Und jetzt kommt es an den Tag, vieles wird für zu leicht befunden.

Was in dieser Zeit des Plutos im Steinbock ausgeworfen wird, ist wahrscheinlich das Maßgebliche einer ganzen 250-Jahres-Periode. Es ist eine ganz besondere Prüfperiode, in der das Bestimmende der Zeit als Gestalt oder als Fehlen der Gestalt abgerufen wird. So ist mit Sicherheit zu erwarten, daß alles zum Saturn Gehörige angesprochen und überprüft wird: alle wahren und falschen Autoritäten, das Staatswesen mit seinen Regulierungen, wahre versus unechte Moral, echtes Gewissen dem Himmel gegenüber versus eingetrichterte Über-Ich-Maxime.

Plutos Eintritt in den Krebs

Vielleicht schärft es ja die Gestaltwahrnehmung, einen Blick auf die gegenüberliegende Seite im Tierkreis zu werfen. Was entsprach denn dem Eintritt Plutos in den Krebs? Nach den mir vorliegenden Tabellen fand dieser Zeicheningress inklusive der rückläufigen Phasen von 1912 bis 1914 statt. Zu diesen Daten fällt einem natürlich zunächst der Beginn des Ersten Weltkriegs ein. Vielleicht hat er ja tatsächlich etwas damit zu tun. Immerhin könnte man die ungezählten Toten als Zeitwerdung von verdrängtem Seelenleben begreifen. Mit der Schaffung einer lebensfeindlichen Welt zunehmender Industrialisierung und Technisierung inklusive ihrer perversen neuen Massentötungstechniken wurde der seelische Aspekt des Lebens immer weiter in den Untergrund verdrängt. Und wer oder was hat den Anspruch, ihn von dort unten wieder hervor zu holen? Genau, die Tiefenpsychologie, die Psychologie des Unbewußten und Verdrängten!

Zum Zeitaspekt findet man bei Wikipedia:

„Der Begriff Tiefenpsychologie wurde von Eugen Bleuler eingeführt. Sigmund Freud verwendete diesen Begriff ab 1913, um zwischen der von ihm begründeten Psychoanalyse und der in der akademischen Psychologie damals vorherrschenden Bewußtseinspsychologie zu unterscheiden. Neben der psychoanalytischen Lehre Freuds begründeten dessen Schüler Carl Gustav Jung und Alfred Adler eigene tiefenpsychologische Schulrichtungen: die Analytische Psychologie (Jung) und die Individualpsychologie (Adler).“

Der zeitliche Rahmen paßt also genau. Und tatsächlich, zuvor waren auf dem Gebiet der Psychologie, die es ab dem 19. Jahrhundert durchaus schon als Wissenschaft gab, vornehmlich Mediziner, Physiologen und Physiker zunächst vor allem auf den Gebieten der Wahrnehmungsphysiologie und der Neurophysiologie tätig gewesen.

Pluto hat also damals das Verdrängte des Prinzips Krebs Gegenwart werden lassen. Zum einen wahrscheinlich im äußerlich nachvollzogenen Verlust so vieler Leben im Weltkrieg, zum anderen im Versuch, das verdrängte Seelenleben aus der Tiefe des Unbewußten zu bergen. Ich spreche hier nicht darüber, ob dieser Versuch gelungen ist. Das ist eine andere Baustelle.

Auf jeden Fall hat damit die Begrifflichkeit des Unbewußten und Verdrängten Eingang in die Alltagssprache und das dazugehörige Bewußtsein der Zeit gefunden.

Pluto im Steinbock

War es damals an der Zeit, das Verdrängte der Seele, des Subjektiven ans Licht des Tages zu bringen, so ist es jetzt wohl an der Zeit, das Verdrängte des Außersubjektiven in die Gegenwart zu stellen. Denn derzeit regiert ein reiner Subjektivismus die Zeit, unter Verleugnung einer Bestimmung, die jeglicher Gestalt ihre Grenze gibt, die sie erst zur Gestalt macht im Gegensatz zum Amorphen, wird das Subjekt geheiligt und beraubt sich damit jeder wirklichen Erfahrung des Himmels in einem Dasein, das dem Prinzip des individuellen Lebens entspräche. Grenzen sind jedoch unmodern, werden verleugnet und diffamiert. Es wird eine Grenzenlosigkeit propagiert, die von Weltraumeroberung und Urknallerforschung bis hin zur Postulierung eines Anrechts auf eine marken- und imagebewußte Wohlstands-Grundausstattung für jedermann reicht. Die Nichtachtung von vorhandenen Begrenzungen mündet in einer schreienden Diskrepanz zwischen Anspruch und Realisierbarkeit und einem entsprechenden Ausmaß an legaler oder illegaler Kriminalität. Grenzenloses Wachstum ist auch das Grundprinzip der modernen Wirtschaftswelt. Seine jahrelang unaufhaltsam scheinende rasante Steigerung fand gerade ein jähes Ende. Welcher Wissenschaftler kann ernsthaft ewiges Wachstum als Axiom seiner Wissenschaft an ihre Basis setzen? Ein Wirtschaftswissenschaftler kann das…

Das Außersubjektive an sich, jede Benennung von Bestimmung, Vorsehung, Schicksal ist unmodern geworden. Wer die Welt anders sieht, wird im besten Falle belächelt. Es gibt kein empfundenes Verhältnis mehr dazu, allenfalls eine ideologisierte fanatische Überzeugung eines Auserwähltseins durch Gott Auch dies ist aber in Wirklichkeit nur ein Ausdruck des Fehlens jeglicher außersubjektiven Gestaltwahrnehmung und somit Ausdruck der damit verbundenen Anfälligkeit für Ideologisierung.

Wie also wird die Grenze der Gestalt wieder Tagesgeschehen? Saturn kommt. Kommt er eben nicht als vorgesehene Bestimmung, sondern als schmerzhaft erlebte Begrenzung, als erzwungene Spartanik. Eine Weltwirtschaftskrise paßt da schon ins Bild, vor allem, wenn Pluto-Uranus die Zeit mitbestimmt. Im Sturz aus der Manie landet man direkt in den Grenzen, die Saturn bereitstellt.

Falsche Autoritäten

Es ist zu erwarten, daß sich Autoritäten aller Art aufplustern werden. Die Stimmung wird wahrscheinlich auch religiösen Moralvorstellungen wieder mehr Raum lassen. Dieses Ding ist ein Widerspruch in sich und alles andere als heilsam. Moralvorstellungen laufen religiöser Empfindung eigentlich konträr, da sie eben Vorstellungen sind und nicht dazu angetan, im steten Fluß der Gestalt der Zeit durch Bewußtsein in Leben und Empfindung die Götter zu heiligen.

Pluto und Saturn oder Die allgegenwärtige Kontrolle durch die Obrigkeit

Auch weltliche Autoritäten werden sich aufschwingen. Diktatoren aller Art werden nach Macht streben, aber vielleicht auch herausgefordert werden. Die schlimmste Manifestation könnte sich im Versuch einer Realisierung von „Brave New World“ zeigen. Den Versuch, eine globalisierte Welt unter der Führung von Eliten, die sich Macht und Kapital bereits angeeignet haben, die sich bereits heute der Wissenschaft und der Medien so skrupellos wie ungeniert manipulierenderweise bedienen, gibt es bereits. Das kann niemand, der sich damit auseinandersetzt, ernsthaft bezweifeln. Daß dies die Form eines Quasi-Polizei-und-Überwachungsweltstaats annehmen könnte, ist keineswegs unwahrscheinlich. Es bedürfte schon einer rasanten Bewußtseinsentwicklung der Vielen, um das unaufhaltsame Voranschreiten in diese Richtung aufzuhalten. Momentan erstaunt mich eher, wie weit Menschen in der Privatisierung ihres Daseinsverlusts gehen, um nicht sehen zu müssen, wie sehr ihnen ihr Dasein zunehmend systematisch und effektiv gestohlen wird.

Das Unscheinbare am Bösen oder Die Abwesenheit von Gestalt

Das Effektivste am Bösen ist das Ausschalten von klarer Wahrnehmung und Empfinden dessen, was am Bösen böse ist. Meiner Erfahrung nach fällt es den Menschen sehr schwer, zwischen gestalthaft und nicht-gestalthaft zu unterscheiden. Das liegt vor allem daran, daß wir getrimmt wurden, ausschließlich nach äußeren und logisch nachvollziehbaren Kriterien zu urteilen. Danach geht es uns allen gut, zumindest in unserer Region der Welt, wir leiden keinen Hunger, keine Kälte und leben in einer freien Gesellschaft. Es gibt allerdings eine gänzlich unterschiedliche Wahrnehmung, die aber als ungeheuerlich meist auf Abstand und fern von der bewußten Wahrnehmung gehalten wird. Aber wo sind denn die Bilder und die Momente, von denen sich die Seele nährt, geblieben? Wo die gewachsenen Gefüge, in denen sinnvolles Tun noch Freude bereitet? Wo sind die Freundschaften, die keinem Zweck dienend sich selbst genug sind und noch nicht durch Konkurrenz oder Lebenskampf zerstört? Wo ist das gerüttelt Maß an Naivität und vertrauensvoller Spontaneität, das ein Leben erst lebenswert macht? Ist es einer allgemeinen Maßstäbe setzenden Haltung zum Opfer gefallen, in derer jede Lebensäußerung, die nicht unmittelbar oder mittelbar einem immer schnelleren Zuwachs an Macht und Geld dient, zynisch belächelt wird? Wo sind die gastlichen Orte, die mittlerweile fast vollständig ersetzt wurden von Stätten, die zwar der Profitoptimierung dienen, jedoch nicht mehr netter Gemeinsamkeit? Wo ist die Unterhaltung, die ohne Unmengen von Alkohol, Drogen und ohne gigantische Dezibelpegel auskommt? Wo sind die schönen Orte, unscheinbar oder großartig, die nicht von Menschenmassen all ihres Zaubers entkleidet sind? Der Raum, in dem wir uns bewegen, hat weniger lichte Anteile. Mehr und mehr Orte haben die Ausstrahlung von feinstofflichem Beton.

Dies ist keine romantische Vergangenheitsschwärmerei. Ich glaube nicht an Rousseau und seinen Edlen Wilden. Die Natur ist eine Mischung aus Überlebenskampf und Lebensfreude. Doch gerade die Menschen hätten mit ihrer Geist- und Bewußtseinsbegabung die Möglichkeit, aus diesem Gestelltsein in Natur und körperliche Erscheinung dem Dasein einen anderen, sozusagen höher platzierten Schwerpunkt zu verleihen. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Aller Fortschritt wird offenbar dazu genutzt, die harten Aspekte der Natur noch zu verschärfen. Unsere aktuell befolgten Wirtschaftswissenschaften basieren auf Lehren, welche die aus dem angeblichen evolutionären Selektionsdruck geborenen Egotriebe als einzig funktionierende gesunde Grundlage und Triebfeder der Wirtschaft propagieren. Gott hat nach katholischer Ansicht, soweit ich sie verstanden habe, den Menschen als Wesen zwischen den Engeln und der Tierwelt geschaffen und ihn, obschon mit Geist begabt, in den Zwang von Natur und Körperlichkeit gebannt, um ihm die Hybris der gefallenen Engel unmöglich zu machen. Nun scheint es aber so zu sein, daß er seinen Geist überhaupt nicht nutzt, sondern das dazugehörige Werkzeug der intellektuellen Fähigkeiten nur zur Verschärfung der Konkurrenz im Sinne der Prinzipien der Naturwelt nutzt. Er erhebt sich – immer auf das Ganze gesehen, kein Individuum muß sich angesprochen fühlen – bislang nicht zu seinen Möglichkeiten, vielleicht sogar immer weniger. Das ist schwer zu beurteilen, aber auf einer kurzfristigen Skala von Jahrhunderten ist es ganz sicherlich so.

Ich kenne kaum jemanden in der Erwachsenengeneration, der nicht bemerkt hätte, wie seit den Achtzigerjahren noch einmal ein Schub an Druck und Beschleunigung zu verspüren war, die immer stärker auf dem Leben lasten. Letztlich werden individuelle Ansätze und Lösungen weitestgehend verunmöglicht, sowohl durch den Druck der Profitmaximierung als oberstem und einzigen Prinzip in allen Bereichen und auf allen Ebenen, als auch durch staatliche Regulierungen in sämtlichen denkbaren Bereichen, in jeder erdenklichen Detailtiefe und jeder nicht mehr erdenklichen Unsinnigkeit. Nur derjenige, der ein Leben führt, das voll und ganz der vorgegebenen Norm entspricht, stößt noch nicht an diese Grenzen und darf sein Leben ungestört leben, das dann allerdings in seiner vorgesehenen Art bereits jede Individualität und Originalität ausschließt. Nischen für Einzigartiges, Individuelles, für selbstbestimmtes und selbst verantwortetes Leben werden systematisch zerstört und eliminiert. Erlaubt und erwünscht ist ein einheitlich geformtes Leben aus der Retorte. Als Ausgleich erwirbt man damit das Recht, über Infiltration und Indoktrination via Medien bequemst und immer „gut unterhalten“ und „stets aktuell informiert“ zu verblöden und bei Massenentertainment und Massenevents soweit anaesthesiert zu werden, daß man schließlich keinen Schmerz mehr über ein eventuell verlorenes Dasein fühlt. Schließlich weiß niemand mehr, wie man sich ein echtes Dasein vorzustellen hätte, oder wie es sich anfühlen würde. Ziel erreicht. Das Böse hat gesiegt. Die Schöpfung ist kein Ort mehr, wo der Mensch in Kommunikation mit den Göttern treten und langsam aus seinem Tiersein herauswachsen kann, sie ist Hölle geworden. In der Rhythmenlehre heißt dies: Sie ist zunehmend Erscheinung als Form und Ausübung der Abwesenheit von Gestalt, oder in der Kurzformel: Sie ist mehr und mehr Erscheinung des Bösen.

Die Gattungsgestalt Mensch in Leben und Erscheinung (Sind wir schon Borg?)

Bei einer grundlegenden Überprüfung von Gestalt, wie sie beim Eintritt von Pluto im Steinbock anliegt, muß wohl auch die Gattungsgestalt Mensch eine wichtige Rolle spielen. Und wenn das Dasein soweit gestört ist und so gestaltlos verläuft, wie oben von mir behauptet, dann muß sich das wohl auch in der erscheinungsmäßigen Manifestation der Gattungsgestalt niederschlagen. Und da erinnern wir uns an den Mythos des olympischen Gottes mit dem Hinkefuß. Hephaistos wurde vom Olymp geschleudert, je nach Darstellung von seinem Vater Zeus oder dessen Gattin, seiner Mutter Hera und war seitdem lahm. Er erlernte das Schmiedehandwerk und führte ein aufregendes Leben. Hier möchte ich nur über das lahme Bein sprechen, das nicht von ungefähr dem hinkenden Bein vieler böser Gestalten in Mythen und Legenden ähnelt. Sprichwörtlich ist auch der Pferdefuß des Teufels geworden. Es geht hier um etwas ganz Bestimmtes, das mit Plutos Auslieferung der Gestalt in die Gegenwart zu tun hat. Wenn die vom Himmel vorgesehene Gestalt in Teilen nicht nach ihrer Bestimmung gefügt werden konnte, dann wird diese Abwesenheit in der Form der Erscheinung sichtbar werden. Man mag diesen partiellen Ausfall als genetischen Defekt bezeichnet oder als Krankheit, die auf den ererbten oder erworbenen Verlust von Teilen der Gestalt zurückzuführen ist, was im übrigen – hier ganz bewußt unter Ausklammerung der individuellen Schuldfrage – für jede Krankheit gilt. Der partielle Gestaltausfall wird in der Erscheinung sichtbar, entweder im gänzlichen Fehlen eines Teils oder in dessen unvollkommener Form.

Hier kommen wir nun auf die Moderne zu sprechen. Hatte man früher allenfalls Hilfsmittel zur Verfügung, um einen Defekt zu kompensieren (Krücken für die Beine, geschliffene Gläser für die Augen), so stehen heute schon teilweise künstliche Ersatzorgane für die Kompensation eines Defekts zur Verfügung. Es gibt eine Wissenschaft, die sich dem künstlichen Nachbau der Natur verschrieben hat, die sogenannte Bionik. In Teilbereichen guckt sie der Natur einfach bestimmte Funktionsabläufe und Konstruktionen ab und versucht, diese in sinnvolle Anwendungen umzumünzen, wobei man von einer Jahrmillionen dauernden Optimierung der Konstruktionsprinzipien im Verlauf der Evolution profitieren möchte. Die Anwendungsgebiete sind nahezu universell. Einige Beispiele finden sich hier. Auf den Menschen bezogen, geht es um die Möglichkeit, ganze Organe zu ersetzen, und – irgendjemand kommt bestimmt auf die Idee – sie sogar zu verbessern. Das bessere Ohr, die bessere Netzhaut, eine optimierte Eigenschaft hier, eine da. Die Verschmelzung von biologischem Leben und künstlich-mechanischen Komponenten ist schon Realität und wird es sicherlich noch sehr viel stärker werden. Wer die Borg aus „Raumschiff Enterprise“ kennt, weiß, was ich meine. Eine Zusammenfassung ist hier beim Unterpunkt Borg abrufbar. Diese erstaunliche Vision ordnet der Symbiose von Biologie und Technik bei den Borg inhaltlich sehr genau den Verlust der Individualiät zugunsten eines allen zugänglichen Gedankennetzes des Borgkollektivs zu, über das sie kommunizieren und ihre Instruktionen erhalten. Wie beim Film „Matrix“ werden ein Zustand und Abläufe real dargestellt, die auf einer geistig-seelischen Ebene bereits Wirklichkeit sind.

Auch umgekehrt scheint die Verbindung zwischen Biologie und Technik zu funktionieren. So gibt es bereits einen Roboter , der durch Gehirnzellen von Ratten erfolgreich gesteuert wird. Ob die Gattungsgestalt der Ratten dadurch mutative Veränderungen erfahren wird, und wenn welche? Schöne neue Welt!

Ich vermute also, daß speziell diejenigen Entwicklungen in der Bionik Auftrieb erhalten werden, bei denen es um die reale Verbindung zwischen Biologie und Technik/Elektronik geht und nicht nur um die Nachahmung der Natur in allen möglichen Anwendungen. Wahrscheinlich ist es der Zwillingsmerkur, der als unteres Pendant des Steinbock/Saturn die zunehmende Abwesenheit der Gestalt in Form und Ausübung der Erscheinung bringt.

Eine treffgenaue Entsprechung des fehlenden Wissens und Bewußtseins um die Grenzen der Gestalt Mensch findet man im sogenannten Transhumanismus. Noch ist man nicht Mensch geworden, schon will man über die Grenzen des Menschseins hinaus… Man begreift nicht, daß die Grenzen der Gestalt nicht menschlichem Einfluß unterliegen, allenfalls insoweit, als der Mensch sich entscheiden kann, sie Kraft seines Subjekts lebendig und gesund zu erfüllen oder sie mit der Folge der Degeneration zu verleugnen. Die unfaßliche Definition, die ich hier fand, will ich dem Leser nicht vorenthalten:

„Transhumanismus (lat. trans = jenseits von / lat. humanus = menschlich) ist eine philosophische Denkrichtung und aktive Bewegung, die eine Veränderung der menschlichen Spezies durch den Einsatz technologischer Verfahren befürwortet. Ihr Ziel ist es, allgemein die Grenzen menschlicher Möglichkeiten zu erweitern und dadurch die Lebensumstände in vielerlei Hinsicht zu verbessern.

Im Gegensatz zu natürlichen Selektionskriterien, welche die Entwicklung von Spezies in der Vergangenheit bestimmt haben, soll die künftige menschliche Evolution zielgerecht gesteuert werden. Damit soll eine Erweiterung der intellektuellen, psychischen und physischen Kapazitäten des Menschen erreicht werden. In diesem Zusammenhang relevante Technologien sind unter anderem: Nanotechnologie, Gen- und Biotechnologie, Biogerontologie, Kryonik und andere Biostasis-Verfahren, Kognitionswissenschaft, Informationstechnologien, künstliche Intelligenz und das „Hochladen (uploading) des Bewusstseins“ in digitale Speicher.“

Wir erinnern uns. Als Pluto durch den Skorpion und Schützen wanderte, hatten die Gentechnik und die Biotechnologie ihre planetarische Stunde. Pluto-Jupiter, die Fertigung der Fügung nach der Vorstellung statt eines Wachstums entsprechend der von Jupiter nach der Maßgabe von Saturn gefügten Grenze der Gestalt. Und nun? Nun hat Pluto in seinem Gang durch den Steinbock auch noch den Transhumanismus an Saturn zu vermelden. Hoffentlich trifft den Boten nicht göttlicher Zorn. Vielleicht erhält er ja von Saturn Änderungen für die Gattungsgestalt Mensch und diverse andere Gattungen als neue Vorgabe der Fügungsausgabe. Vielleicht wird auch der abrufbare Bildspeicher der Erfahrung inklusive neuer Form auf Mensch 2.0 „upgedatet“. Ich weiß es nicht, aber eigentlich halte ich Saturn für konservativer. Vielleicht gibt er den Menschen ja noch eine Chance der Besinnung, bevor in der Periode von Pluto im Wassermann Uranus dann endgültig auf Mutationen bestehen wird.

Advertisements